Warum Babys abends so viel Weinen und was das mit ihrem Nervensystem zu tun hat
- 14. Juli
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Tagsüber scheint das Baby zufrieden und ausgeglichen. Wenn sich jedoch der Tag langsam dem Abend nähert, verwandelt sich so manches Baby in eine andere Persönlichkeit. Von jetzt auf gleich fängt der kleine Sonnenschein unstillbar an zu schreien und egal was man ihm anbietet, nichts scheint zu helfen. Die Hebamme spricht dann gerne von der Hexenstunde. Doch was hat es mit diesem abendlichen Weinen auf sich und wie kann man diesem begegnen?
Für dieses Weinen gibt es eine ganz einfache Erklärung. Wenn diesem Weinen kein akutes Bedürfnis zugrunde liegt und das Baby immer wieder anfängt zu weinen, insbesondere wenn man es zum Schlafen ablegen möchte, liegt es an dem Nervensystem des Kindes. Es ist ein Nervensystem in großer Not, welches probiert sich von angestautem Stress zu entledigen. Ein Baby kann nicht joggen gehen, um Stress abzubauen. Ebensowenig kann ein Baby sich abends zu seinen Eltern auf die Couch setzten und von seinen Sorgen berichten. Abendliches Weinen ist ein wunderbarer Mechanismus des Nervensystems, um sich von angestauter Anspannung zu lösen. Die Frage ist also nicht, wie bekomme ich mein Baby ruhig, sodass es schlafen kann, sondern wie begleite ich mein Baby, damit es Stress und Anspannung loslassen und entspannt einschlafen kann?
Geburt und Schwangerschaft als Prägung
Babys Nervensystem muss nicht nur den Tag verarbeiten, mit all seinen neuen Reizen und Eindrücken, sondern insbesondere auch die Art und Weise wie es auf die Welt gekommen ist, sowie stressige Erfahrungen aus der Schwangerschaft. Diese prägenden Ereignisse formen das kindliche Nervensystem. Stress in der Schwangerschaft prägt es so, dass es später deutlich intensiver insoweit, dass es später deutlich intensiver und schneller auf Reizüberflutungen reagiert, weil sich bestimmte Gehirnbereiche bereits unter Stress im Mutterleib angepasst haben. Auch die Geburt selbst hat maßgeblichen Einfluss auf die Stressempfindlichkeit eines Kindes. War sie anstrengend und herausfordernd, mit vielen ärztlichen Interventionen, wird das Nervensystem des Babys über das normale Maß hinaus mit Stresshormonen überflutet. Das führt häufig zu einem stärker erregbaren Nervensystem nach der Geburt. Der Gefahrenmodus lässt sich schwerer herunterfahren. Die Amygdala feuert ununterbrochen Gefahr.
Man kann es sich vorstellen wie einen Schreibtisch, der voll mit unbearbeiteten Akten liegt: Die untersten wurden noch nicht durchgesehen und einsortiert, und jede Stunde kommt ein neuer Stapel hinzu. Das macht Stress.
Warum gerade der Abend?
Ein gestresstes Baby kann nicht gut schlafen. Hat man es endlich in den Schlaf gewiegt, wacht es prompt wieder auf und die Stresschemikalien lassen es nicht zur Ruhe kommen. Auch wir Erwachsenen kennen das aus besonders stressigen Phasen: Manche liegen abends lange wach, bevor sie einschlafen, andere wachen nachts immer wieder auf. Bei Babys ist es ganz genauso.
Im Laufe des Tages kommen immer mehr Reize hinzu, die verarbeitet werden wollen wie Geräusche, Licht oder neue Bewegungen. Das Nervensystem ist den ganzen Tag damit beschäftigt, diese Eindrücke zu verarbeiten und solange ständig neue Reize dazukommen, bleibt der Organismus eher im Bewältigungsmodus. Wird es abends ruhiger, fallen viele äußere Reize weg, und das Gehirn muss nichts Neues mehr verarbeiten.
Dadurch entsteht überhaupt erst Raum, die innere Aktivierung wahrzunehmen ähnlich wie bei Erwachsenen, die nach einem stressigen Arbeitstag erst auf dem Sofa merken, wie erschöpft oder angespannt sie eigentlich sind. Beim Baby gibt es diesen bewussten Gedanken natürlich nicht; sein Nervensystem reagiert direkt körperlich.
Gegen Abend verändert sich außerdem die Aktivität im Gehirn: Es bereitet sich auf den Schlaf vor. Damit Schlaf möglich wird, muss die Aktivierung sinken. Ist das Nervensystem aber noch stark angespannt, versucht der Körper, diese Spannung loszuwerden und für Babys ist Weinen eine der wenigen Möglichkeiten, überschüssige Aktivierung abzubauen.
Warum ausgerechnet auf dem Arm der Eltern ?
Bei vielen Familien wird es erst am Abend wirklich ruhig. Die Eltern setzen sich hin, nehmen das Baby in den Arm und haben endlich Zeit. Und genau das ist entscheidend: Erst wenn genügend Sicherheit da ist, kann das Nervensystem überhaupt beginnen, Anspannung loszulassen. Deshalb beobachtet man so oft, dass Babys gerade in den Armen ihrer Eltern zu weinen anfangen, weil jetzt endlich der Moment gekommen ist, in dem Loslassen möglich wird.
Schlaf ist eben kein Schalter, den man einfach umlegt. Vor dem Einschlafen muss das Nervensystem von einem aktiven in einen ruhigeren Zustand wechseln. Ist noch viel Aktivierung vorhanden, gestaltet sich dieser Übergang schwierig. Genau deshalb fangen gerade abends so viele Babys an zu weinen.
Viele Babys, die sich am Abend bei ihren Eltern auf dem Arm ausweinen durften, schlafen deutlich entspannter, friedlicher und wachen nur zu den Mahlzeiten auf und schlafen dann wieder ein.
























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